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Migräne auf dem Stundenplan


Es ist sechs Uhr morgens und ich sitze, den Rücken gekrümmt, vorn übergebeugt, die Arme auf die Ellbogen gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben, an meinem Arbeitstisch. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich um diese Zeit hinter meinem Arbeitstisch sitze. Auch das Hämmern in meinem Kopf ist nichts Ungewöhnliches.
Immer mehr braut sich da etwas zusammen, sucht seinen Weg. Dann, es geht gegen sieben Uhr, strömen sie in Scharen herein, bis es 29 sind. Strömen allerdings weckt falsche Bilder. Vielmehr poltern sie herein und dieses Poltern wird unter dem Eindruck der Migräne zum Rütteln und Schütteln, zum Bellen und Jaulen, zum Scharren und Schlurfen. Seltsam filterlos ist meine Welt.
Ich glaube zu fühlen, wie sich das Blut in meinen Adern verdickt, wie die Adern anschwellen, sich den Schläfen entlang drücken. Ich fühle wie sie hervorstechen, wie es in ihnen pocht und drückt. Ich klaube ein kleines graues Plastikschächtelchen aus meiner Mappe hervor, schüttle es, halte es ans linke Ohr, höre einen Moment lang dem Geräusch, das dabei entsteht, zu und lege es wieder zurück in die Mappe. Noch wäre es zu früh, eine zweite Tablette zu nehmen, noch sind seit fünf Uhr morgens kaum zwei Stunden vergangen und seit der letzten Einnahme gestern Nacht kaum deren fünf.
Wenig später, aufgerüttelt durch das Läuten der Glocke, nehme ich alle mir noch verbleibende Kraft zusammen und stehe vor die Klasse. Es donnert und blitzt, mein Schädel droht zu zerspringen, die Beine wanken, der Boden scheint sich auf zu tun und ich werde in ein heisses Loch hinuntergerissen. Nur nichts anmerken lassen. Ich muss jetzt auf alles gefasst sein, reagieren können. Dabei scheint sich alles zu verlangsamen in meinem Kopf, alles ist zähflüssig, die Gedanken wollen nicht ankommen, selbstverständliches bleibt irgendwo im Kopf verschollen. Natürlich beherrsche ich dieses grausame Spiel bis aufs Feinste. Angst bestimmt die Spielregeln. Man wird misstrauisch mit der Zeit, lernt, sich zu verstecken. In den Pausen, auch in den kleinen, stürze ich mich zwei Treppen nach unten, reisse die Türe auf und finde mich halb bewusstlos, vornüber gebeugt über der WC-Schüssel, fluchend und nach Atem ringend. Manchmal lässt sich die Pause nicht abwarten.
Wieder oben rast mir der Atem und die Zeit steht still. Nur für einen kleinen Moment hört alles auf zu existieren. Dann tickt sie doch weiter, diese verfluchte Zeit, begleitet von elendem Hämmern und von Atemnot und Schwindel und Flimmern und Hitze und Kälte und vor allem von Allem zuviel. Zuviel Licht und zuviel Lärm. Viel zu laut ist alles, zu hell, zu grell in Ton und Farbe. Zuweilen geht alles ganz schnell; eine kurze Anweisung, hastig, kurzatmig, dann nichts wie raus, zwei Treppen hinunter gegen die Fallgesetze, Türe aufgerissen, alles zieht sich zusammen, Geräusche, Spülung, schnell noch zwei, drei Schlucke Wasser, dann stehe ich wieder vorne, ganz präsent und das Ganze beginnt von Neuem.
Was innen tost und lärmt, geschieht nach aussen hin alles lautlos, fast ohne spürbare Veränderungen. Gelernte Beherrschung, abgerungene, ängstliche, verzweifelte.Das Schlimmste sind dann die Pausen. Da möchte ich den Kopf gegen die Wand stossen, einmal, zweimal, dreimal, unzählige Male, bis ich den Schmerz, dieses Pochen und Stechen und Feuern an der Wand zerschlagen habe. Schmerz durch Schmerz aufheben, dagegen drücken. Noch bleibt der Konvent über Mittag und dann noch vier Lektionen bis 17 Uhr. Ich werde es schaffen, wie ich es immer schaffe. Meine Hauptsorge gilt schon dem Morgen. Das Heute ist gelaufen, daran gibt's nichts mehr zu rütteln, bloss zu ertragen, der Tag ist abgehakt. Aber morgen. Wie werde ich morgen aufstehen? Dies ist meine ganze Sorge. Die Angst, dass alles nochmals von vorne beginnt, ist sehr begründet.
Warum stehe ich bloss da? Warum halte ich das alles aus? Stumm wie ein Fisch mit dem Bauch oben auf. Aus Angst vor dem Unverständnis der Anderen? Weil Migräne nicht mitteilbar ist?
Aus Pflichtgefühl, aus Angst, als wehleidig zu gelten? Oft habe ich sie gehört, die Mutmassungen und Urteile falscher Experten: Unpässlichkeit, wohl zu viel gesoffen, psychologische Alltagstheorien mit sichtbarem Vergnügen auseinandergesetzt, selbst der Mond, der gute alte, soll da die Hand im Spiel haben. Viel Magisches, wenig Hilfreiches ist darunter.
Manchmal und ganz besonders nachts im Bett, mit nassem kühlen Lappen über den Augen im abgedunkelten Raum, erschöpft, zu matt, um schlafen zu können, wird mir übel beim Gedanken an den vergangenen Tag. Mir wird übel beim Gedanken an unzählige solcher Arbeitstage, an Elterngespräche, Sitzungen bis spät in die Nacht, an mehr oder weniger erfolgreich abgelegte Prüfungen. Wie hält man das aus, zu leben ohne Filter, ohne Netz?
Dann die Fahrt nach Hause. Es ist heiss, immer ist es heiss, auch im Winter und bleiern lastet die Müdigkeit auf meinen Knochen.
Was mich durch solche Tage zieht, leicht benommen, sind Triptane. Früh genommen vertreiben sie das Gewitter im Kopf. Es bleiben pelziger Nebel und viel Gewölk und eine seltsame, schwere Müdigkeit. Ein Gähnen und Schnappen nach Luft. Danach bin ich ausgelaugt für Tage.
Warum ich den Mut nicht verliere? Weil diese Anfälle vorbeigehen, weil ich immer wieder neu geboren werde und vielleicht, weil ich unschuldig bin.

Markus, Uitikon

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